Die Hochschulen der Metropolregion nehmen in Sachen Digitalisierung Fahrt auf. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die VW Stiftung wollen in eine Digitalisierungsstrategie für Niedersachsens Hochschulen investieren. 21,8 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren für den Aufbau eines digitalen Hochschulverbunds Hochschule.digital Niedersachsen bereitgestellt werden. Auch die Landeshochschulkonferenz wirbt in ihrem Zukunftspapier für den massiven Ausbau der digitalen Technologien.

Edzard Schönrock (Metropolregion) sprach mit Professor Thomas Hanschke, Vorstandsvorsitzender des Vereins Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg und Gründungsmitglied und langjähriger Vorstandsvorsitzender des E-Learning Academic Network Niedersachsen, und mit Dr. Norbert Kleinefeld, Geschäftsführer des E-Learning Academic Network Niedersachsen, über die digitale Zukunft der niedersächsischen Hochschulen. Dem E-Learning Academic Network Niedersachsen sind zehn niedersächsische Hochschulen angeschlossen, darunter sechs aus der Metropolregion (TU Braunschweig, TU Clausthal, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, HBK, HS Hannover und HS Ostfalia). Es akquiriert, koordiniert und betreut Verbundprojekte, organisiert Workshops und Kongresse (u.a. die Teaching Trends), berät seine Mitglieder in Sachen Medientechnik, Medienrecht und Mediendidaktik und unterhält eine eigene Publikationsreihe „Digitale Medien in der Hochschullehre“.

Metropolregion: Herr Hanschke und Herr Kleinefeld, was sagen Sie zu Hochschule.digital Niedersachsen?

Hanschke: Wir begrüßen die Initiative. Die Hochschulen brauchen dringend finanzielle Unterstützung. Ich denke, die Pandemie zeigt, wie schnell man von der Realität eingeholt werden kann. Ich bewundere meine Kolleginnen und Kollegen, wie sie sich mit dem Ausnahmezustand arrangieren. Glücklicherweise trifft es sie nicht unvorbereitet. Denn Niedersachsen ist in Sachen Digitalisierung Vorreiter gewesen.

Kleinefeld: In der Tat hat die Niedersächsische Landesregierung bereits im Jahr 2000 zusammen mit der Landeshochschulkonferenz zu einer landesweiten Offensive zum Thema „Digitale Medien“ aufgerufen und für diese Initiative mehr als 25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Aus dieser Initiative sind damals die Netzpiloten Clausthal/Göttingen, Hannover/Braunschweig und Oldenburg/Osnabrück, der Strategische Beraterkreis Multimedia und das E-Learning Academic Network Niedersachsen hervorgegangen.

Hanschke: Mit dieser Initiative hat unsere Landesregierung Weitsicht bewiesen und unseren Hochschulen zu einer bundesweiten Vorreiterrolle verholfen, wie die Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen bereits 2008 konstatierte. Inzwischen haben fast alle Bundesländer in der Digitalisierung mit teilweise enormen Summen nachgezogen. Die Digitalisierung ist kein Saisongeschäft, sondern bedarf der kontinuierlichen und vorausschauenden Weiterentwicklung und Förderung. Einer Umfrage des Instituts für Hochschulentwicklung (HIS-HE) zufolge, sehen sich die Hochschulleitungen vor enorme Herausforderungen gestellt.

Metropolregion: Welche Vorteile bringt die Digitalisierung?

Hanschke: Ich gehöre einer Generation von Studierenden an, die in den Vorlesungen unentwegt mitschreiben und ihre Lehrbücher über die Fernleihe der Universitätsbibliothek beziehen mussten. Heute finden die Studierenden dank OER (Open Educational Resources) und Open Access viele ihrer Unterrichtsmaterialen im Netz. Ein immenser Fortschritt gegenüber früher! Trotzdem wachsen die Anforderungen an unser Bildungssystem. Unsere „Digital Natives“, die mit Smart Phones, Tablets und sozialen Medien groß geworden sind, wünschen sich kreative Lernumgebungen und wollen unabhängig von Ort und Zeit unterrichtet werden.  Für sie gibt es keinen Grund, an einem zeitlich terminierten Frontalunterricht festzuhalten.

Metropolregion: Wollen Sie damit sagen, dass die Präsenzhochschule ein Auslaufmodell ist?

Hanschke: Nein, im Gegenteil! Denn die Studierenden brauchen soziale Beziehungen und einen engeren persönlichen Kontakt zu den Lehrenden. Aber in einer anderen Form. Die Hochschule der Zukunft wird eine Institution sein, die stärker als bisher auf die individuellen Voraussetzungen und persönlichen Zielvorstellungen ihrer Studierenden eingeht. Flexibilisierung und Personalisierung der Lehre aber bedürfen adäquater personeller Unterstützung und digitaler Infrastruktur. Um ihre Spezifika zu bewahren, muss die Präsenzhochschule umso mehr in digitalen Kategorien denken.

Kleinefeld: Bei den neuen Herausforderungen unterstützt die Digitalisierung auf drei Ebenen: (1) Den Lehrenden werden wesentlich erweiterte Möglichkeiten der didaktischen, technischen und inhaltlich-strukturellen Gestaltung ihrer Lehrveranstaltungen ermöglicht. (2) Die Lehrenden können untereinander über das Internet Vorlesungsinhalte und Unterrichtsmaterialien austauschen und aufgrund der gerade erwähnten Openness auch auf elektronische Bibliotheken zugreifen. (3) Und schließlich macht die Digitalisierung die direkte Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden über das Netz immer zuverlässiger und komfortabler.

Metropolregion: Vor welchen Veränderungen stehen die Professorinnen und Professoren?

Hanschke: Wir müssen im wahrsten Sinn des Wortes einiges auf den Kopf stellen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden und um von den neuen Technologien zu profitieren. Es geht um neue Lehr- und Lernformen. Inverted Classroom, Blended Learning und Serious Games lauten die Schlagworte. Prinzipien, bei denen sich die Studierenden den Vorlesungsstoff zuhause im Selbststudium aneignen, um ihn im Anschluss mit ihren Professorinnen und Professoren im Plenum zu diskutieren. Die Professorin und der Professor als Vortragende werden stärker in den Hintergrund treten und sich dafür mehr als Moderatoren, Trainer und Berater profilieren. Viele meiner alten Kolleginnen und Kollegen nutzen diese Möglichkeiten bereits zum Wohle ihrer Studierenden und machen damit gute Erfahrungen. Praxisorientierte Studiengänge bedürfen geeigneter Mischformen, genauso wie jede Digitalisierungsstrategie nach wie vor Raum für „Schwamm und Kreide“ lassen sollte.

Kleinefeld: Herr Hanschke hat gerade den sich aktuell verändernden Rollencharakter von Lehrenden beschrieben. Den Lehrenden stehen auf der einen Seite weitere Herausforderungen im Hinblick auf ihr Selbstverständnis, ihre Lehre und ihre Autorität als Lehrkräfte bevor. Auf der anderen Seite eröffnen sich aber auch Chancen der Weiterentwicklung ihrer Lehrformate, zusammen mit Fachkolleginnen und Fachkollegen und auch mit Studierenden im Sinne des Forschenden Lernens.

Metropolregion: In welcher Weise wird die Digitalisierung von Studium und Lehre fortschreiten? Wie sehen Sie die Zukunft?

Hanschke: Die Wirtschaft weiß, welcher überproportionale Aufwand erforderlich ist, um sich im globalen Wettbewerb einen Vorsprung zu erkämpfen. Diesen Wettbewerbsdruck spüren wir auch in der Forschung. In Studium und Lehre ist dieser Druck allerdings noch nicht angekommen. Noch können die Professorinnen und Professoren bei der Erfüllung ihrer Lehrverpflichtung weitgehend auf ihr angestammtes Repertoire zurückgreifen und noch schützt sie die staatliche Prüfungshoheit vor privaten Mitbewerbern wie Google und Microsoft. Wenn sich aber die Professorinnen und Professoren erst einmal tagtäglich hart an der Kante zwischen Wissensakquisition und Wissensvermittlung behaupten müssen (z.B. in der Weiterbildung), weil alles andere im Netz steht und man damit kein Geld verdienen kann, sieht die Welt anders aus. Dann wird deutlich werden, dass die Anforderungen und der Konkurrenzdruck massiv zunehmen werden und wir noch effizienter werden müssen. Bleibt zu hoffen, dass die neue Dachorganisation Hochschule.digital Niedersachsen die bestehenden erfolgreichen niedersächsischen Initiativen und Verbundprojekte rund um die Digitalisierung möglichst schnell zu erhöhter Schlagkraft zusammenführt.

Kleinefeld: Ich würde mir wünschen, dass das Thema Digitalisierung der Hochschullehre nicht weiter ein temporäres und zum Teil immer noch randständiges Thema bleibt, sondern zur Daueraufgabe wie die bisherigen zentralen Aufgaben einer Hochschule wird. Im Sinne der Organisationsentwicklung sollte dieses Thema als ständiger Qualitätszirkel ausgestaltet werden, in welchem alle wichtigen Stakeholder sich permanent austauschen und wesentliche Fortschritte in Didaktik, Technik und Anwendungsmöglichkeiten austauschen und auch Neues im Sinne eines „Experimentierraums“ erproben. Hochschule.digital Niedersachsen könnte dazu beitragen.

Metropolregion: Herr Hanschke, Herr Kleinefeld, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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