Prof. Ramin Yahyapour hat Elektro- und Informationstechnik an der Universität Dortmund studiert. Nach verschiedenen IT-Professuren wurde er 2011 Geschäftsführer der GWDG, einer gemeinsamen Einrichtung der Georg-August-Universität Göttingen und der Max-Planck-Gesellschaft. Seit 2014 ist er Chief Information Officer der Universität Göttingen und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Seit 2017 ist er Mitglied der International Max Planck Research School for Genome Science (IMPRS-GS) an der Göttingen Graduiertenschule für Neurowissenschaften.

gesundheIT: Prof. Yahyapour, die Investitionen in die Krankenhaus-IT machen in Deutschland im Durchschnitt weniger als ein Prozent vom Umsatz aus, also fünfmal niedriger als in anderen Branchen. Welchen Stellenwert hat IT in der Universitätsmedizin Göttingen? Welche (Digitalisierungs)Strategie verfolgen Sie?

Yahyapour: Es ist in der Tat so, dass in IT und Digitalisierung in Deutschland weniger investiert wird als in anderen Branchen, aber auch im Vergleich zu anderen Ländern. Das Finanzierungssystem in der deutschen Krankenversorgung gibt hier wenig Freiheitsgrade. Insbesondere bei der Universitätsmedizin gibt es grundsätzlich keine strukturelle Berücksichtigung der besonderen Rolle als Maximalversorger im Vergleich zu regionalen Krankenhäusern. Dennoch ist allen Beteiligten klar, dass Digitalisierung insbesondere im Gesundheitswesen eine entscheidende Rolle spielt und für die Zukunftsfähigkeit entscheidend ist. An der Universitätsmedizin Göttingen verfolgen wir daher mit Unterstützung des Vorstands seit einigen Jahren eine Digitalisierungsstrategie, in der im Bereich Forschung und Krankenversorgung neue Lösungen und Strukturen etabliert werden. So wird in einem aktuellen Projekt an der UMG ein neues Krankenhausinformationssystem eingeführt, dass eine umfassende Sicht auf eine elektronische Patientenakte erlaubt. Ebenso wurde für die Forschung ein medizinisches Datenintegrationszentrum im Rahmen des HiGHmed-Projektes aufgebaut, das eine bessere Nutzung und Vernetzung von Informationen aus der Krankenversorgung zu Forschungszwecken erlaubt. Die UMG hat sich als strategisches Ziel gesetzt, in den kommenden Jahren ein vollständiges digitales Krankenhaus zu werden.

gesundheIT: Sie sprachen gerade HIGHmed an. Wie ist der Stand beim Projekt, an dem viele Partner aus der Metropolregion beteiligt sind (UMG, Medizinische Hochschule Hannover, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, TU Braunschweig, Hochschule Hannover und Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung) und was gibt es für Neuigkeiten?

Yahyapour:  HiGHmed ist ein Projekt, bei dem zwischen Universitätskliniken und weiteren Partnern eine gemeinsame Datenplattform etabliert wird und der Nutzen an ausgewählten Anwendungsfällen gezeigt wird. Zwischenzeitlich sind an den einzelnen Standorten die dafür notwendigen medizinischen Datenintegrationszentren eingerichtet worden und in Betrieb gegangen. Durch Corona hat diese Plattform besondere Bedeutung erhalten. Im Kampf gegen Covid-19 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Aufbau eines Forschungsnetzwerks deutscher Universitätskliniken. Das Netzwerk erforscht, wie Patientinnen und Patienten mit dieser Krankheit in Deutschland bestmöglich versorgt werden können. Hierbei werden die relevanten Daten zusammengeführt und ausgewertet. Die UMG ist für den Aufbau der Datenplattform verantwortlich.

gesundheIT: Welche Rolle spielen Echtzeitdaten mit Blick auf Vorhersagen in der UMG und in welchen Bereichen übernimmt Künstliche Intelligenz bereits Diagnosen und ggf. sogar Therapieempfehlungen?

Yahyapour: Innerhalb der UMG ist die Nutzung von Echtzeitdaten bereits gängige Praxis. Wir sehen jedoch, dass zunehmend neue Sensoren und Geräte verfügbar werden, die eine wesentlich umfassendere Datenerfassung erlauben, die über den Krankenhaus-Kontext hinausgehen. Es ist offensichtlich, dass hier ein großes Potential für eine bessere Diagnostik und präventive Maßnahmen liegt. Der Einsatz von Methoden der künstlichen Intelligenz, insbesondere des maschinellen Lernens, für Entscheidungsunterstützung, findet aktuell den Übergang aus Forschungsprojekten in praktische Lösungen. Beispiele finden sich in der bildgebenden Diagnostik. In den kommenden Jahren sind wesentliche Fortschritte durch den Einsatz von KI-Methoden zu erwarten.

gesundheIT: Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Arztbild in den nächsten zehn Jahren durch die Digitalisierung verändern?

Yahyapour: Digitalisierung nimmt auch hier eine stärkere Bedeutung ein und erfordert entsprechende Kompetenzen auch bei Ärzten. Wir sehen diesen Wandel bereits jetzt und die Ausbildung entwickelt sich in dieser Richtung ständig weiter. Manche Disziplinen werden hier einen größeren Wandel erfahren als andere. Wenn einzelne Aufgaben langfristig auch von Algorithmen unterstützt werden können, so braucht es andere Fähigkeiten, um diese einschätzen zu können.

gesundheIT: Was brauchen Sie, um der Metropolregion noch erfolgreicher zu werden und die Wertschöpfung zu erhöhen?

Yahyapour: Der enge Finanzierungrahmen wird weiterhin eine Herausforderung bleiben, um Ergebnisse aus der Forschung auch im klinischen Alltag einführen zu können. Für die Translation aus der Forschung braucht es starke Partner, so dass Netzwerke eine große Bedeutung spielen werden. Die Metropolregion hat viel Potential, doch es braucht eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stakeholdern, um die Spitzenforschung an der Universität und Universitätsmedizin auch mit der praktischen Umsetzung in Versorgungsnetzwerken mit Krankenhäusern, Arztpraxen und der Wirtschaft zu verbinden.

gesundheIT: Vielen Dank für das Interview.

(Foto: UMG)

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