2.500 Ladepunkte im Gebiet der Metropolregion

  • Deutlich mehr Ladeinfrastruktur vorhanden als bekannt
  • Viele Ladesäulen nicht oder nur eingeschränkt funktionsfähig
  • Fehlende Preistransparenz verärgert Nutzer*innen
  • Ladeinfrastruktur ist ein Standortfaktor
  • Simple Ladesäulenzählerei und Aktionismus schaden der Entwicklung

In Deutschland stehen deutlich mehr Ladesäulen als öffentlich kommuniziert. Die Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg hat für ihr Gebiet den Bestand ermitteln lassen und mit den Daten des offiziellen Registers der Bundesnetzagentur (BNA) verglichen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden am 24.01.2020 in Hannover vorgestellt:

In der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg können Elektrofahrzeuge an rund 2.500 Ladepunkten aufgeladen werden. Die offizielle Statistik der Bundesnetzagentur weist zum Stichtag 01.12.2019 in der Metropolregion 335 Standorte mit 775 Ladepunkten aus. Real waren es jedoch 741 Standorte mit 2.497 Ladepunkten. Demnach existieren doppelt so viele Standorte mit einer dreifachen Menge an Ladepunkten.

Bei der Analyse der Ladeinfrastruktur wurden erhebliche qualitative Mängel festgestellt. Viele Ladesäulen boten deutlich weniger Ladeleistung an als öffentlich ausgewiesen. Viele Einrichtungen für das Aufladen von E-Fahrzeugen waren im Untersuchungszeitraum nicht funktionsfähig. Nur selten ist für die Nutzer*innen erkennbar, zu welchen Tarifen der aktuelle Ladevorgang abgerechnet wird.

Die Untersuchung zeigt deutlich, dass die Planungen des Aufbaus der Ladeinfrastruktur auf einer falschen Datenbasis erfolgt und die Debatte auf eine oberflächliche Ladesäulenzählerei verkürzt wird. Zu wenig wird auf die technische Qualität, die Standortwahl, die Wartung und auf Nutzungsfreundlichkeit geachtet. Kommunen sollten Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge als Standortfaktor erkennen und sich entsprechend engagieren. Insbesondere fehle es an einer fundierten Planung, die sich an der Praxis der Elektromobilität und nicht den Erfahrungen mit Benzinern oder Dieselfahrzeugen orientiert. Ein praxisfremder Aktionismus schadet der Elektromobilität. Die Metropolregion will auf Basis der Untersuchung ein Konzept für eine sinnvolle Ladeinfrastruktur vorlegen. Diese Vorschläge sollen als Grundlage für Planungen in anderen Regionen Deutschlands gelten. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert.

Die Untersuchung

Die Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg hat zwei Fachleute mit der Untersuchung beauftragt. Ralph Twele ist Elektroingenieur bei einem großen Unternehmen in Holzminden und seit einiger Zeit zusätzlich Berater für Elektromobilität. Er fährt seit Jahren Elektroautos und kennt insbesondere die Ladeinfrastruktur im südlichen Niedersachsen sehr genau.

Alex Holtzmeyer fährt als Musiker viel durch die Lande und betreibt außerdem ein elektrisches CarSharing im Landkreis Nienburg, ist Vertreter des Bundesverbandes Elektromobilität für Niedersachsen und er bündelt seine Aktivitäten in einem Institut für angewandte Elektromobilität.

Die Fachleute haben die zur Verfügung stehenden Datenbanken ausgewertet. Neben dem Angebot der Bundesnetzagentur waren das die Nutzerportale GoingElectric und Lemnet.org. Die Listen wurden heruntergeladen, umformatiert, bearbeitet, ergänzt und gefiltert, damit sie vergleichbar werden. Stichprobenartig wurden Inhalte auf den Webseiten verglichen. Am Ende wurde stichprobenartig geschaut, ob die angezeigten Ladesäulen auch tatsächlich existieren.

Mit großem Aufwand wurden Standorte und Verfügbarkeit analysiert. Es wurde geschaut, wo sich die Ladesäulen befinden (Parkhaus, Raststätte, Straßenrand etc.), ob an einem Standort mehrere Ladesäulen aufgebaut wurden und wie viele Fahrzeuge an der Ladesäule geladen werden können. Es wurde geschaut, ob die Ladeinfrastruktur öffentlich nutzbar ist oder nur für bestimmte Zielgruppen (Kundschaft, Beschäftigte etc.) installiert wurde.

Ergebnisse

Im Zuge der Bestandsaufnahme wurden die nicht bei dem Nutzerportal GoingElectric verzeichneten Ladesäulen in dieses Portal eingetragen. Deshalb wird die dortige Datenbasis für die Metropolregion als die aussagekräftigste gewertet.

Stichprobe Stadt Holzminden

 

Stichprobe Landkreis Hildesheim

In der Datenbank der BNA fällt auf, dass die von dem Hersteller TESLA aufgebaute Ladeinfrastruktur nicht erwähnt wird.

Qualität

Bei der Aufnahme der vorhandenen Ladeinfrastruktur sind erhebliche Qualitätsmängel aufgefallen.
So wurde festgestellt, dass die Ladesäulen häufig nicht die angebotene Leistung bieten. Viele Ladesäulen sind defekt und werden nur schleppend repariert. Für die Nutzer*innen schwer erkennbar ist, zu welchem Tarif geladen wird.

Schlussfolgerungen

Raimund Nowak, Geschäftsführer der Metropolregion, zu den Untersuchungsergebnissen:

Natürlich haben wir nicht genug Ladesäulen, aber das Angebot ist deutlich besser als bisher kommuniziert.  Falsche Daten beeinflussen die Stimmung und politische Entscheidungen. Deshalb brauchen wir ein realistisches Bild und insbesondere eine bessere Vorstellung von der benötigten Ladeinfrastruktur. Wer nur auf Zahlen schaut, wird der Herausforderung nicht gerecht. Tankerfahrungen des Verbrennungsfahrzeuges dürfen nicht auf die Elektromobilität übertragen werden. Wer Nutzungsverhalten von E-Mobilisten ignoriert, wird viel Geld verlieren.

Kommunen müssen Ladeinfrastruktur für Elektroautos als Standortfaktor begreifen. Bei ihren Entscheidungen sollten sie auf die realen Werte aufbauen. Empfehlenswert ist die Führung eigener Verzeichnisse der Ladeinfrastruktur in ihrem Gebiet. Die Daten sollten sie auf ihrer kommunalen Website veröffentlichen und auch Nutzerportalen und der Bundesnetzagentur melden. Weiterhin sollten Kommunen regelmäßig die Funktionsfähigkeit der Ladesäulen testen. Allen, die mit Elektroautos  unterwegs sind, ist anzuraten, weniger der Bundesnetzagentur und mehr den Nutzerportalen zu trauen. 

Bild: Metropolregion

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