Prof. Michael Prilla, TU Clausthal, Institut für Informatik, Abteilung Human-Centered Information Systems, ist Erfinder der Pflegebrille und wird im Projekt InCa 4D diesen Schwerpunkt wissenschaftlich beim Transfer in die Praxis begleiten.

Prof. Prilla, wie sind Sie im Jahr 2015 auf die Idee gekommen eine Augmented Reality (AR)-Brille zu einer Pflegebrille weiter zu entwickeln?

Zu diesem Zeitpunkt haben wir erste Studien mit AR-Brillen durchgeführt, um ihren Nutzen in verschiedenen Szenarien zu erforschen. Zeitgleich waren wir mit Projekten in Pflege tätig und kannten die Probleme und Bedarfe von Pflegekräften. Schnell wurde uns klar, dass AR-Brillen Pflegekräfte mit Informationen und Anleitungen versorgen könnten und dabei ihre Hände zur Pflege frei ließen. Diese Idee wollten wir unbedingt umsetzen und freuten uns sehr, als wir durch das BMBF hierfür gefördert wurden.

Wie kann die AR-Brille Pflegekräfte konkret entlasten?

Die Brille entlastet Pflegekräfte momentan in drei Bereichen: Sie kann Informationen zu Patienten abrufen und auch wieder in der digitalen Dokumentation speichern. Pflegekräfte können so schnell und während der Arbeit auf Informationen zugreifen und dokumentieren, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Die Brille erkennt zudem typische Arbeitstätigkeiten wie bspw. Wundversorgung und bietet hierzu Anleitungen und patientienbezogene Informationen an. Pflegekräfte erhalten damit zusätzliche Sicherheit, besonders wenn sie gerade aus der Ausbildung kommen oder Patienten nicht kennen. Außerdem können Pflegekräfte Experten und Kollegen durch eine Videokamera an der Brille zuschalten und von ihnen bei schwierigen Fragen beraten oder angeleitet werden. Aber das ist noch nicht alles: Aus vielen Workshops mit Pflegeeinrichtungen haben wir eine lange Liste mit weiteren nützlichen Funktionen wie bspw. Unterstützung bei der Medikamentenversorgung oder Bestellung von Hilfsmitteln, die wir bald umsetzen wollen.

Was unterscheidet Ihren Ansatz von anderen Lösungen, z.B. bei Silver Chain in Australien? Wie weit sind wir im internationalen Wettbewerb?

Da gibt es einige Unterschiede. Zum einen haben wir in der Pflegebrille bewusst eine Vielzahl von verschiedenen Prozessen und Funktionen integriert, um sie im Alltag der Pflege nützlich zu machen. Diese Vielzahl findet sich in keinem uns bekannten Ansatz. Zum anderen wurde die Pflegebrille bewusst mit Pflegekräften und hauptsächlich für diese entwickelt, wohingegen sich viele andere Ansätze bspw. auf virtuelle Besuche von Ärzten konzentrieren. Die Unterstützung von Pflegekräften füllt hier also eine wichtige Lücke in der Digitalisierung der Pflege. Wir glauben, dass wir auch als kleine Universität daher eines der international fortschrittlichsten Produkte haben, das wir im Moment intensiv in der Praxis testen, um es bald an den Markt zu bringen.

Wie sähe für Sie ein mögliches Geschäftsmodell aus?

Wir können uns derzeit verschiedene Modelle vorstellen. Ein Wunsch wäre es, die Pflegebrille gemeinsam mit Partnern bspw. aus der Entwicklung digitaler Pflegedokumentation anzubieten, weil sie so ihre Stärken sofort in der Praxis umsetzen könnte. Eine andere Möglichkeit stellt das Angebot speziell zugeschnittener Versionen der Software auf der Brille dar, etwa zur Wundversorgung oder zur Unterstützung durch Experten aus der Ferne.

Freundliche Grüße,
Michael Prilla

Prof. Dr.-Ing. Michael Prilla
Human-Centered Information Systems
Institut für Informatik
TU Clausthal
Julius-Albert-Str. 4, Raum 203
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