Prof. Reinhard Gerndt ist Wissenschaftler an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. An der Fakultät Informatik hat er seine Schwerpunkte in der Robotik. Seit dem letzten Jahr gehört er als Wissenschaftspartner der Metropolregion bei InCa 4D, innovative Pflege, zu den Partnern.

gesundheIT: Prof. Gerndt, die Corona-Pandemie ist für die gesamte Gesellschaft eine enorme Herausforderung. Wie gelingt es aktuell in Forschung und Lehre den Betrieb erfolgreich weiterzuführen und welche Herausforderungen müssen Sie als Ostfalia leisten?

Gerndt; Als Forschender sieht man, trotz allen Leids der Pandemie, dass die wissenschaftlichen Fragestellungen dennoch im Blick behalten werden müssen. Dennoch kommt fast Alles noch einmal auf den Prüfstand. Was ist wirklich wichtig? Wie kann man Prozesse verbessern? Wie kann man in einer solchen Situation mehr Normalität erreichen? Das gilt für die Ausrichtung der Forschung und für die Lehre, die man jetzt noch einmal neu denken muss. Die unmittelbare Interaktion zwischen Menschen und die direkte praktische und gemeinsame Arbeit an und mit Geräten hat man stets als gegeben angenommen. Jetzt muss man sich diese Möglichkeiten mit den Mitteln der Digitalisierung erst wieder erarbeiten. Dabei sind wir in der Informatik ganz gut vorbereitet, denn Vieles haben wir im Vorfeld schon ausprobiert, nur nicht in diesem Umfang. Auch helfen uns hier unsere Vorarbeiten zu mobilen Robotern und zur Telepräsenz.

gesundheIT: Gerade für die Pflege bringt COVID19 große Herausforderungen. Wie kann das innovative Pflegeprojekt InCa 4D der Metropolregion hierzu einen Beitrag leisten? 

Gerndt: Als man anfing vom ‚Social Distancing‘ oder sozialer Distanz zu sprechen habe ich mich sehr über den Begriff geärgert, beschreibt er doch das Gegenteil von sozialem Kontakt. Eigentlich geht es nämlich um eine physikalische oder räumliche Distanz, also eher ‚Spatial Distancing‘, um Infektionsmöglichkeiten zu unterbrechen. Der soziale Abstand oder die soziale Entfernung oder Entfremdung darf nicht das Ziel sein. InCa 4D soll im Bereich der Pflege ein Beitrag geleistet werden, um den räumlichen Abstand zu überbrücken und die soziale Nähe wieder zu ermöglichen. Dafür konnten wir im Konsortium in der stationären Betreuung und Pflege drei Handlungsansätze ausfindig machen:

  1. Entlastung von Pflegekräften durch robotische Systeme und Informationstechnologie (IT), z.B. dadurch das Tätigkeiten abgenommen werden oder effizienter gestaltet werden.
  2. Angebote für eine physische Interaktion von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Angehörigen durch einen Roboter, z.B. in Form eines Telepräsenzroboters über den Videokonferenzen abgehalten werden können und durch individuell angepasste Interventionsmaßnahmen zur Gesundheitsförderung, z.B. in Form von aktivierenden Übungsangeboten durch einen Roboter-Trainer
  3. Unterstützung beim Infektionsschutz, z.B. durch einen Roboter für den Empfang und eine automatisierte Gesundheitsabfrage der Besucherinnen und Besucher.

Im InCa 4D-Projekt hat sich bereits eine Arbeitsgruppe etabliert, die die drei Handlungsansätze mit dem CRUZR adressieren möchte. Als ersten Schritt, der aktuellen Pandemiesituation Rechnung tragend, haben wir uns vorgenommen den dritten Handlungsansatz in einem konkreten Pilotprojekt anzugehen. Später sollen dann weitere Aspekte dazu kommen und auch die Unterstützung der ambulanten Pflege durch Roboter in der Praxis erprobt werden. Eine weitere Arbeitsgruppe befasst sich mit Virtual-Reality-Techniken und IT, um den Pflegealltag zu verbessern.

gesundheIT: Welchen Schwerpunkt bildet die Ostfalia als wichtiger Partner?

An der Ostfalia befassen sich zahlreiche Forschende aus unterschiedlichen Fakultäten mit Fragen zur Gesundheit, Betreuung  und Pflege. Die Hochschule kann damit ein breites Kompetenzspektrum abbilden und ist mit zahlreichen kommerziellen und institutionellen Akteuren gut vernetzt. Als Hochschule für angewandte Wissenschaften haben wir den Anspruch wissenschaftliche Ergebnisse in die praktische Anwendung zu übertragen. Darüber hinaus ist die Ostfalia ein wichtiger Partner, um die Fragestellungen aus der Praxis wissenschaftlich zu bearbeiten.

gesundheIT: Wie haben Sie das Unboxing des Pflegeroboters CRUZR erlebt und was soll er alles für die Pflege leisten?

Auch wenn wir in der Arbeitsgruppe schon viele Roboter kennen, ist die Möglichkeit mit einem Roboter praktisch zu arbeiten immer wieder spannend. Das Unboxing des CRUZR war intuitiv. Die Transportkiste war gut durchdacht und ließ sich einfach bedienen. Den Roboter kannten wir schon aus Veröffentlichungen und von Messen, doch jetzt konnten wir ihn endlich selbst anfassen und ihn auf seine ersten Aufgaben vorbereiten. Mit fachlichem Hintergrund war die Inbetriebnahme einfach. Gleichzeitig haben wir dabei aber auch schon mal die Brille der Anwender aus der Pflege aufgesetzt und uns Gedanken über leicht verständliche Anleitungen gemacht. Allgemein gesprochen ist CRUZR ein sozialer Interaktions-Roboter, der mit Kameras und Bildschirm, Spracherkennung und Ausgabe und durch Gestik mit Menschen interagieren kann. In diesem Bereich soll CRUZR Pflegekräfte unterstützen. CRUZR soll sich dabei selbständig in der Pflegeeinrichtung bewegen und z.B. Aufgaben in der Organisation, Interaktion und Dokumentation übernehmen. Welche Aufgaben CRUZR tatsächlich übernehmen soll, wollen wir mit den Pflegeeinrichtungen gemeinsam entwickeln. Dazu haben wir bereits angefangen, mit Praktikern aus der stationären Pflege konkrete Anwendungen zu entwickeln. Als erstes haben wir uns die Entwicklung eines Empfangsroboters vorgenommen. Der Roboter soll in Pflegeeinrichtungen Besuchstermine von Angehörigen koordinieren und in einer Empfangssituation durch Abfrage und Temperaturmessung die Eintragung von Infektionen nach Möglichkeit verhindern.

gesundheIT: Wie kann die Metropolregion mit seiner Spitzenforschung und Wissenschaft dazu beitragen, dass auf dem Gebiet der Digitalen Gesundheitswirtschaft durch die third Mission bei der Förderung noch mehr Gelder in die Hochschulen fließen und die Metropolregion in Sachen Wertschöpfung stärker profitieren kann?

Die Metropolregion bringt die Akteure aus Forschung, Industrie und Gesellschaft zusammen. Gute Forschung erfordert immer mehr das Zusammenspiel mehrerer Partner. Ausschreibungen kann man inzwischen fast nur noch mit interdisziplinären Teams und in Verbundprojekten gewinnen. Besonders wichtig, um eine Wertschöpfung in der Region zu ermöglichen, sind lokale Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen zusammen zu bringen und bei der Umsetzung ihrer Ideen, z.B. durch eine gemeinsame Infrastruktur wie den CRUZR zu unterstützen. Die Metropolregion bietet eine hervorragende Plattform um Partner für die Entwicklung neuer Dienstleistungen und Produkte und deren Anwendung zu finden.

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