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Nach vier Jahrzehnten bei Le Monde und zwei Jahrzehnten beim Wochenmagazin L’Express ist der politische Karikaturist Plantu zu einer französischen Institution geworden. Das Institut français widmet dem Karikaturisten nun die Ausstellung „Drôle de peuple – das komische Volk“, die seinen Blick auf Deutschland untersucht.
VON HANNA IRMISCH-Bei Plantu schrumpft Angela Merkel zu einer buckligen Dame mit fliehendem Kinn zusammen, die sich im Bett mit Nicolas Sarkozy wiederfindet. Mit großen Augen schaut die Kanzlerin auf die Gattin des französischen Präsidenten, die verstört am Bettrand steht und ihren Ehemann fragt, wer denn diese Frau sei. Sarkozy, mit quadratischem Kopf, lässt seine Zunge aus dem Mundwinkel hängen. Entschuldigend antworte er: „Es ist für Europa.“
Mit seinen Zeichnungen verlangt der französische Karikaturist den Politikern weltweit viel ab, und stellt dar, was kaum in Wort zu fassen ist – Fehltritte, Vorwürfe, unausgesprochene Vermutungen. Fein sind die Nuancen seiner Figuren, zu grob wäre die beschreibende Sprache. Plantu, der Künstler, hat Narrenfreiheit.
Jean Plantureux, 1951 in Paris geboren, lernt spät sprechen, dafür fängt er früh an, sich in Bildern auszudrücken. Nach dem Abitur folgt zunächst ein Medizinstudium, das er bald gegen ein Kunststudium an der renommierten Hochschule Saint Luc in Belgien eintauscht. Auch dieses Studium bricht er aus Geldmangel nach kurzer Zeit ab. Zurück in Paris beginnt er 1972 seine Karriere als Karikaturist für die Tageszeitung Le Monde, auf deren Titelseite er seit 1985 tagtäglich gedruckt wird. Es folgen weitere Magazine und Zeitungen.
EIN TANZENDES BRANDENBURGER TOR
Mit seiner prominenten Position auf dem französischen Medienmarkt hat Plantu auch das Deutschland-Bild vieler Franzosen geprägt. Das Institut français widmet dem Zeichner daher die Ausstellung „Drôle de peuple – Komisches Volk!“, die versucht, seinen sowohl kritischen als auch empathischen Blick auf das Nachbarland einzufangen. Plantu selbst meint, er vermittle ein sympathisches Bild der Deutschen. „Ich hatte schon immer einen positiven Blick auf das Deutschland der Nachkriegszeit und ich wollte in meinen Zeichnungen zeigen, dass es von den Deutschen viel zu lernen gibt“, so der Künstler.
Andere Karikaturisten gingen weitaus stereotyper mit Deutschland um, meint Walther Fekl, Karikaturenspezialist und Herausgeber der Begleitbuchs zur Ausstellung. „Hakenkreuze und Stahlhelme gehörten nie zur Standardausrüstung von Plantu“, so Fekl. Und beim Fall der Mauer, als in Europa und besonders in Frankreich die Angst umging, Deutschland könne zu mächtig werden, zeichnete Plantu erleichtert ein tanzendes Brandenburger Tor. Heute konzentrieren sich seine Bilder auf die deutsch-französischen Beziehungen und auf Europa. „Ich mag Europa“, so Plantu, „aber manchmal könnte ich Brüssel würgen, und jedesmal, wenn ich Lust habe, jemanden zu erwürgen, fertige ich stattdessen eine Zeichnung an.“ 2005 löste die Publikation von Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung Ausschreitungen in der islamischen Welt aus. Die Konsequenz: Chefredakteure weltweit begannen provokante Zeichnungen durch Fotos zu ersetzen, die niemanden störten.
INDIKATOR FÜR MEINUNGSFREIHEIT
Plantu ist sich über die Macht der Karikatur, aber auch über die Verantwortung des Zeichners im Klaren und fordert eine gesunde Selbstzensur. Dennoch
ist für ihn die Karikatur ein absoluter Indikator für Presse- und Meinungsfreiheit. „Wenn man einen iranischen Zeichner sieht, der weder Schiiten, noch Sunniten, noch Kurden karikieren darf, sondern nur Amerikaner, weiß man, wo die Grenzen der Freiheit sind.“ Gemeinsam mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan gründete er 2006 „Cartooning for Peace“. Karikaturisten aus aller Welt kommen seither einmal im Jahr zusammen und setzen sich für die Kollegen ein, die für ihre Arbeit inhaftiert, gefoltert oder getötet werden.
„Wir wollen Zeichnern helfen, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Wir wollen aber auch die Europäer davor warnen, was der Freiheit zustoßen kann, wenn die Gesellschaft sich in eine falsche Richtung entwickelt“, so Plantu.
Begleitbuch zur Ausstellung:
Komisches Volk! Drôle de peuple ! Dessins sur l’Allemagne. Politische Karikaturen zu Deutschland. Von Jean Plantu, herausgegeben von Walther Fekl. Schaltzeit Verlag, 160 Seiten, 19 Euro.
“Une vision positive de l’Allemagne d’après-guerre.”
Le caricaturiste Plantu, de son vrai nom Jean Plantureux, montre sa vision de l’Allemagne dans l’exposition “Drôle de peuple”, du 28 septembre au 15 novembre à l’Institut français de Berlin.
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