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PARIS BERLIN | November 2011

MULTIKULTI AUF MESSERS SCHNEIDE | LES RABATTEURS DU CHÂTEAU D’EAU

Im 10. Pariser Arrondissement gehört die afrikanische Kultur zum Straßenbild. Doch das multikulturelle Zusammenleben verläuft nicht immer konfliktfrei.

VON ROMY STRASSENBURG-"Madame, Monsieur! Möchten Sie eine Maniküre, einen Haarschnitt? Ich mache einen guten Preis!" Eine Gruppe junger Afrikaner umlagert die Metroausgänge auf dem Boulevard de Strasbourg und begrüßt die Passanten. Das lautstarke Buhlen um potenzielle Kunden ist ihr Arbeitsalltag. Man nennt sie "Rabatteurs" und seit einigen Jahren gehören sie zum Straßenbild im 10. Pariser Arrondissement. Gelingt es den jungen Männern, Kundschaft in die umliegenden Friseursalons zu locken, kassieren sie zwei bis drei Euro Prämie von ihrem "patron".

Über 150 Kosmetik- und Friseurgeschäfte drängen sich hier auf wenige Quadratkilometer und "es werden immer mehr", findet Bruno, der seit 27 Jahren selbst einen Herrensalon betreibt. Man nennt den Boulevard auch die Champs-Elysées der afrikanischen Community und neben dem Viertel Château Rouge im 18. Arrondissement ist er für viele Einwanderer aus Schwarzafrika die erste Anlaufstelle in der Hauptstadt, um nach einem Schlafplatz und einer Arbeit zu suchen. Für die Salonbetreiber sind die Neuankömmlinge billige Arbeitskräfte. "Wir haben keine andere Möglichkeit, unser Leben zu bestreiten", erzählt ein „Rabatteur“, der seinen Namen nicht nennen will. "Die meisten von uns besitzen keine gültigen Papiere". Darum rennen die Männer hektisch in alle Richtungen auseinander, wenn die Polizei sich nähert. Die Eintreiber werden selbst zu Getriebenen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem es immer wieder zu turbulenten Verfolgungsszenen kommt.

EIN BÜRGERVEREIN WILL DIE BEHÖRDEN ZUM HANDELN ZWINGEN

Einige Anwohner stören sich gewaltig an den rabatteurs und den afrikanischen Schönheitstempeln. Sie klagen über Ruhestörungen, Verschmutzung der Straßen und Schwarzhandel. "Wir, die Anwohner haben genug von den Belästigungen durch die einseitige wirtschaftliche Aktivität, insbesondere der Friseurbranche und haben entschieden, mit unserem unpolitischen, republikanischen Verein zu handeln". Mit dieser Kampfansage wirbt der Verein Stop aux nuisances 10 um Mithilfe. Seine Mitglieder klagen über die Laisser-faire-Politik seitens der Behörden. Auf ihrer Internetseite wird detailliert beschrieben, wie man im Falle von Belästigungen vorgehen sollte. Eine Schritt-für-Schritt Anleitung, um Polizei, Wohnungsverwaltungen oder Stadtreinigung zum Handeln zu zwingen. Professionell und penibel dokumentieren sie illegale Aktivitäten im Viertel und führen einen erbitterten Schriftkrieg mit den Ämtern.

"Dieser Verein vertritt nicht die Meinung der Mehrheit unserer Bewohner", glaubt Rémi Féraud, der sozialistische Bürgermeister des 10. Pariser Arrondissements. "Sie benutzen eine Terminologie, die von den Nazis verwendet wurde. Sie wollen Prostituierte und Drogensüchtige ausrotten". In seinem geräumigen Büro des prunkvollen Rathauses in der Rue du Faubourg Saint-Martin wirkt der 40-jährige, freundliche und zugleich ernste Féraud fast ein bisschen deplatziert. Er ist ein Mann der leisen Töne, seit drei Jahren im Amt und stolz auf die kleinen Erfolge: neue Fußgängerzonen und Grünflächen, Jugendtreffpunkte und Sozialwohnungen.

"FRUST BRINGT UNS NICHT WEITER"

Dass das multi-ethnische Zusammenleben nicht immer konfliktfrei funktioniert, weiß Féraud: "Die Pariser neigen dazu, einander nicht zu ertragen. Das ist Teil ihrer Identität. Aber wir müssen die Menschen dazu bringen, gut zusammenzuleben". Deswegen stören ihn die radikalen Äußerungen mancher Anwohner. "Ich kann verstehen, wenn die Leute ihren Frust loswerden wollen, aber das allein bringt uns nicht weiter. Ihre Forderungen müssen humanistischen Werten entsprechen. Ich bin gegen die Vorstellung, wir müssten uns alle ähneln, um gut zusammenzuleben".

Daher schlägt Féraud sich auf die Seite von Vereinen wie ARRGG, abgekürzt für Anwohner der Rue Gustave Goblier, "die zumindest versuchen, mit den Friseuren Aktionstage zu veranstalten, um gemeinsam für mehr Lebensqualität zu sorgen". Es geht darum, mit den Salonbetreibern für mehr Respekt im Zusammenleben zu sorgen, für Mülleimer, geregelte Öffnungszeiten, für das Einhalten von Hygienebestimmungen. Es sind kleine, mühsame Schritte, an die er glaubt, denn 2die afrikanische Identität gehört zu diesem Ort wie die Türken zu Kreuzberg. Ich möchte auf keinen Fall Verhältnisse wie im 5. Arrondissement, wo heute nur noch Besserverdienende wohnen".

BERLIN UND DER PARISER OSTEN

An Berlin schätzt Féraud die kreative und kosmopolitische Atmosphäre. Sie sei vergleichbar mit dem Pariser Osten. Er habe auch von der Admiralsbrücke gehört, wo Touristen laut und lang die Kreuzberger Nächte zelebrieren, was indes nicht bei allen Alteingesessenen auf Verständnis stößt. "Wir haben das gleiche Problem am angesagten Canal Saint-Martin. Glauben Sie mir, dort geht es gar nicht um kulturelle Unterschiede, aber auch hier kommt es zu vielen Beschwerden der Anwohner".


"Ich hab noch einen Koffer in Berlin", so Romy Strassenburg, die seit 2008 als Freie Journalistin in Paris schreibend, sprechend und recherchierend für verschiedene Medien in Deutschland und Frankreich tätig ist. Neben ParisBerlin (seit Juli 2009) sind das arte.tv, n-tv, Spiegel.Online und die Deutsche Welle. Am liebsten in Zusammenarbeit mit ihrer französischen Kollegin Eva John, als John & Straßenburg (www.junds.eu), Gewinnerinnen des deutsch-französischen Journalistenpreises 2008 und Gründerinnen der European Media Academy. Außerdem unterrichtet die Autorin am Institut Pratique du Journalisme in Paris.

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