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Bis ins Mittelalter glaubte man, Kinder stammen aus dem Innern der Erde. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich die Figur des Storches als Seelenbringer.
VON ULRICH SCHÖNLEBER
Störche, Kohlköpfe oder doch Rosen? Die Erklärung der Herkunft von Babys für kleine Kinder bestand lange aus mythischen Erzählungen. Bis weit ins Mittelalter hinein herrschte fast überall in Europa die Vorstellung, dass die Kinder aus dem Innern der Erde stammen. Natürlich wusste man, wie Kinder gezeugt werden, aber das erklärte nicht, woher ihre Seele kommt. Da Wasser als Lebensquelle schlechthin galt, gelten vielerorts Teiche, Quellen oder Brunnen als diejenigen Orte, wo die Ungeborenen an die Erdoberfläche kommen. Anderswo glaubte man, sie würden ans Ufer von Seen oder Flüssen oder direkt aus dem Meer an Land gespült. Diese Lokalisierungen machten den Storch, der in den Randzonen von Wasser und Land seine Nahrung sucht, zu einem vorzüglich geeigneten Überbringer der dort angelangten Babys, die er im Gegensatz zu den armen Fröschen nicht verschluckte.
„DES MANNES STORCH“
Seine weit über die Grenzen des damaligen Deutschen Reiches hinausreichende Monopolstellung erlangte der Storch jedoch erst im 19. Jahrhundert. Er verdankt sie vor allem der katholischen Kirche, die unter der Vielzahl heidnischer Überlieferungen nur diese eine offiziell absegnete. Andere Überbringer – z.B. Krähe oder Marienkäfer, Feldhase oder Fuchs, irgendwelche Märchenwesen oder die Hebamme in Person – arbeiteten sozusagen ohne kirchliche Lizenz. Der Storch, dem in vielen Kulturen magische Kräfte zugesprochen werden, ließ sich als Seelenbringer auch in den christlichen Mythos einbinden (denn angeblich kreiste einer in dem Moment über dem Kreuz, als Jesus das Leben aushauchte). Dabei war im Mittelhochdeutschen „des Mannes Storch“ eine der zahlreichen Umschreibungen für den Penis, und der heidnischen Legende nach beißt der Storch der Mutter so heftig ins Bein, dass sie bettlägerig wird – bis plötzlich ein Kind in der Wiege liegt.
ZEICHEN FÜR FRUCHTBARKEIT
Wie die Lebensquellen bringen auch Pflanzen Ungeborene auf die Erde. In Frankreich sind es Kohlköpfe, worin man die kleinen Jungs findet, und Rosenstöcke, wo kleine Mädchen gepflückt werden können. „Mon petit chou“ oder „bout de chou“ ist allerdings ein weit verbreitetes Kosewort für kleine Kinder beiderlei Geschlechts. Der saftige, runde Kohlkopf, der auch an den Bauch einer Schwangeren erinnert, steht schon seit der Zeit der Römer für Fruchtbarkeit und Geborgenheit. Die Verbindung von Blumen und Mädchen ist dagegen eher ein romantischer Topos und dürfte später entstanden sein.
Dass Jugendliche möglichst früh aufgeklärt sein sollen, ist heute längst kein Thema mehr. Nur, was aktuelle Ratgeber für Kinder empfehlen, klingt mehr künstlich als kindlich, wie die folgende Geschichte: „Mama und Papa wollen ein Baby bekommen. Daher haben sie sich ganz doll in die Arme genommen und geküsst und dann ganz doll aneinander gekuschelt, so eng, dass sie sich miteinander vereinen konnten. Dabei hat der Papa etwas an die Mama weiter gegeben, damit im Bauch von der Mama ein Baby wachsen kann...“ (eltern-werden.de). „Das Aufklären vor allem kleinerer Kinder ist nach wie vor ein schwieriges Thema“, meint Matthias Grenda, der für ein Projekt der Nordwalder Biografietage zum Thema Geburt und Tod begonnen hat „Klapperstorchgeschichten“ zu sammeln. Er interessiert sich dafür, weil „den modernen Erklärungen meist die Seele fehlt und sie deshalb nicht mehr auf Sehnsüchte und Ängste eingehen können, die dennoch jeder verspürt.“ Darauf zu reagieren war von jeher die Aufgabe von Volksmythen, die später von der Kirche vereinnahmt und schließlich von der wissenschaftlich orientierten Aufklärung verdammt wurden. Auf die existenzielle Frage, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, wagt allerdings auch die Wissenschaft keine gesicherten Aussagen.
Ulrich Schönleber,
1956 in Stuttgart geboren, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte in Tübingen und Berlin, verschiedene Tätigkeiten in den Bereichen Kultur, Medien und Hochschule u.a. in Berlin, London und Paris. Seit 1995 Dozent an den Wirtschaftshochschulen ESSEC (Cergy) und esce (La Défense). Bei ParisBerlin von Anfang an mit dabei als Journalist (Film, Literatur, Theater, Musik), Übersetzer und Korrektor.
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